HannoverMesse 2026: Staatsbesuch mit wirtschaftlichem Gewicht
HANNOVER.
Hannover stand am 19. und 20. April 2026 im Zeichen eines Besuchs, der weit über das protokollarische Geschehen hinausreichte. Mit dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva kam nicht nur das Staatsoberhaupt des diesjährigen Partnerlandes der Hannover Messe in die niedersächsische Landeshauptstadt. Der Besuch verband internationale Wirtschaftspolitik, klassische Diplomatie, Industrieinteressen und symbolträchtige Auftritte an zentralen Orten Hannovers. Im Mittelpunkt standen der Empfang am Schloss Herrenhausen, die feierliche Eröffnung der Hannover Messe im Hannover Congress Centrum, der Messebesuch mit einem ungewöhnlichen Verlauf, ein weiterer Termin in Herrenhausen sowie die 3. Deutsch-Brasilianischen Regierungskonsultationen mit anschließender Pressekonferenz.

Bereits der Auftakt machte deutlich, welchen Stellenwert Berlin und Brasília diesem Treffen beimaßen. Bundeskanzler Friedrich Merz empfing Präsident Lula da Silva am Sonntagnachmittag auf Schloss Herrenhausen mit militärischen Ehren. Nach Angaben der Bundesregierung begann der Besuch dort mit einem bilateralen Gespräch, in dem internationale Themen sowie die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Brasilien im Mittelpunkt standen. Das Ambiente von Herrenhausen verlieh dem Termin zusätzliche Symbolkraft: Historische Kulisse, staatliches Zeremoniell und der Anspruch, eine strategische Partnerschaft sichtbar zu machen, trafen hier in verdichteter Form zusammen.

Auch die Begleitung durch die Ehefrauen erhielt öffentliche Aufmerksamkeit. Bilddokumentationen zeigen Bundeskanzler Friedrich Merz gemeinsam mit seiner Frau Charlotte Merz sowie Präsident Lula da Silva mit seiner Frau Rosângela „Janja“ da Silva in Hannover. Damit wurde der Staatsbesuch auch im repräsentativen Rahmen als Begegnung auf höchster politischer Ebene inszeniert. Für die Stadt Hannover bedeutete dies eine internationale Bühne, wie sie sonst nur selten in dieser Dichte entsteht.

Am Abend verlagerte sich das Geschehen ins Hannover Congress Centrum. Dort wurde die Hannover Messe 2026 offiziell eröffnet. Die Deutsche Messe hatte bereits im Vorfeld angekündigt, dass Lula da Silva die Eröffnungsfeier gemeinsam mit Bundeskanzler Merz bestreiten werde. Die Messe zählt in diesem Jahr offiziell zur 79. Ausgabe, steht unter dem Motto „Think Tech Forward“ und fokussiert technologischen Fortschritt, digitale Transformation und Anwendungen künstlicher Intelligenz. Nach Angaben der Bundesregierung nehmen rund 4.000 internationale Unternehmen teil, die mehr als 14.000 Produkte und Lösungen präsentieren. Brasilien ist 2026 Partnerland der Industriemesse, nachdem es bereits 1980 als erstes Partnerland dieser Veranstaltung aufgetreten war.

Die Eröffnung war deshalb mehr als ein festlicher Pflichttermin. Sie markierte den politischen Rahmen für die deutsch-brasilianische Agenda der folgenden Stunden. Bundeskanzler Merz betonte bei der Messeeröffnung den Anspruch, Deutschland in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen als wettbewerbsfähiges Industrieland zu behaupten. Zugleich hob er die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit hervor. In seinem Statement am brasilianischen Zentralstand sprach er von einem „ermutigenden Zeichen in schwierigen Zeiten“, wenn Märkte geöffnet und Erfahrungen ausgetauscht würden. Brasilien sei, so Merz, ein „eindrucksvolles Land“. Die Messe wurde damit auch zur Bühne für eine politische Botschaft: Europa und Südamerika wollen gerade in geopolitisch angespannten Zeiten an einer multilateralen Ordnung, an Handel und an industrieller Kooperation festhalten.

Lula wiederum nutzte seinen Auftritt, um Brasilien als wirtschaftlich starkes, technologisch anschlussfähiges und zugleich rohstoffreiches Land zu positionieren. Reuters berichtete, dass er Brasiliens Bedeutung als verlässlichen Lieferanten unter anderem für kritische Mineralien hervorhob. Gleichzeitig machte der Präsident deutlich, dass Brasilien nicht lediglich als Rohstoffquelle für andere Volkswirtschaften auftreten wolle. Vielmehr gehe es um Technologie, Wertschöpfung im eigenen Land und eine partnerschaftliche industrielle Entwicklung. Genau darin lag eine der Kernbotschaften dieses Hannover-Besuchs: Brasilien versteht sich nicht mehr nur als Absatzmarkt oder Rohstofflieferant, sondern als selbstbewusster Akteur in einer künftigen industriellen und ökologischen Transformation.

Am Montagmorgen öffnete die Hannover Messe für das Publikum. Geplant war ein gemeinsamer Rundgang des Kanzlers und des brasilianischen Präsidenten über das Messegelände, einschließlich des Auftritts am brasilianischen Zentralstand. Der gemeinsame Auftakt fand dort auch statt. Bundeskanzler Merz eröffnete zusammen mit Lula den brasilianischen Stand und würdigte die Partnerschaft beider Länder ausdrücklich. Gerade an diesem Ort verdichteten sich Wirtschaftsinteressen und politische Symbolik: Brasilien präsentierte sich als Partnerland, Deutschland als zentrale Industrienation Europas, beide Seiten verbunden durch die Erwartung, Handel, Investitionen und Technologietransfer auszubauen.

Doch der weitere Ablauf verlief anders als ursprünglich vorgesehen. Nach dem Auftakt am Brasilien-Stand setzten Merz und Lula ihren Messebesuch nicht gemeinsam, sondern in getrennten Rundgängen fort. Mehrere Medien berichteten, dass dies für Verwunderung sorgte, weil der traditionelle Kanzler-Rundgang auf der Hannover Messe üblicherweise gemeinsam absolviert wird.

ZDFheute sprach von Terminproblemen als Hintergrund, während aus Regierungskreisen laut regionaler Berichterstattung von einem einvernehmlichen Vorgehen die Rede war. Fest steht: Der symbolisch wichtige gemeinsame Rundgang endete früh, und beide Politiker gingen anschließend getrennte Wege über das Gelände. Ein gemeinsames Abschlussstatement fand nach den Berichten nicht statt.

Politisch schadete dieser ungewöhnliche Ablauf dem Besuch jedoch nicht erkennbar. Im Gegenteil: Die eigentliche Substanz des Treffens lag weniger in der Bildsprache des Messerundgangs als in den darauf folgenden Regierungskonsultationen.

Diese fanden am Nachmittag erneut im Schloss Herrenhausen statt und bildeten den diplomatischen Kern des Hannover-Besuchs. Dort kamen auf beiden Seiten Ministerinnen und Minister der Kabinette zusammen. Nach Angaben der Bundesregierung standen die Beratungen unter dem Motto „Gemeinsam für inklusives Wachstum, Beschäftigung, Frieden und Sicherheit“.

Schon dieser Titel zeigt, wie breit das Themenspektrum angelegt war: Wirtschaft und Industrie einerseits, Außenpolitik, Sicherheitsfragen, Klima, Wissenschaft und soziale Entwicklung andererseits.

In der anschließenden Pressekonferenz stellten Merz und Lula heraus, dass Deutschland und Brasilien ihre strategische Partnerschaft vertiefen wollen. Bundeskanzler Merz sprach von einer „starken und dynamischen“ Partnerschaft. Beide Länder, so der Kanzler, verbinde das Interesse an einer internationalen Ordnung, in der Verträge und Verabredungen zählen und globale Probleme gemeinsam bewältigt werden können.

Die Bundesregierung ordnete die Konsultationen als Ausdruck enger bilateraler Verbindungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie ein. Damit rückte Hannover für zwei Tage in den Rang eines Ortes internationaler Weichenstellungen.
Zu den wichtigsten Ergebnissen der 3. Deutsch-Brasilianischen Regierungskonsultationen zählt zunächst die wirtschaftspolitische Verständigung. Beide Regierungen bezeichneten das EU-MERCOSUR-Abkommen als Meilenstein und begrüßten den Beginn seiner vorläufigen Anwendung zum 1. Mai 2026. In der gemeinsamen Erklärung wird ausdrücklich festgehalten, dass eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit Grundlage für Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung sei. Zudem wollen beide Seiten die Gespräche über ein Doppelbesteuerungsabkommen intensivieren, um Investitionen zu fördern und die bilateralen Beziehungen zu stärken. Ebenso vereinbarten Deutschland und Brasilien, die Kooperation bei kritischen Rohstoffen weiterzuentwickeln und dabei resilientere, nachhaltigere und strategisch stärker integrierte Wertschöpfungsketten anzustreben.

Ein weiterer zentraler Punkt betrifft Sicherheit und Verteidigung. In der gemeinsamen Erklärung vereinbarten beide Länder, ihre Zusammenarbeit in diesem Bereich zu verstärken. Dazu gehört eine Absichtserklärung zur Kooperation bei der Beschaffung von Verteidigungsausrüstung. Hinzu kommt eine Absichtserklärung zur industriellen Zusammenarbeit im Zusammenhang mit Fregatten der Tamandaré-Klasse. Deutschland und Brasilien signalisierten damit, dass ihre Beziehungen nicht mehr ausschließlich wirtschafts- und klimapolitisch gedacht werden, sondern zunehmend auch sicherheitspolitische Komponenten umfassen. Gerade vor dem Hintergrund globaler Spannungen und wachsender Debatten über Resilienz und strategische Souveränität ist dieser Punkt von erheblicher Bedeutung.

Breiten Raum nahmen auch Zukunftstechnologien ein. Vereinbart wurden unter anderem eine gemeinsame Absichtserklärung zur wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit im Bereich kritischer strategischer mineralischer Rohstoffe, eine Absichtserklärung über Quantentechnologien, eine gemeinsame Erklärung zur „KI-Partnerschaft für Innovation und Vertrauen“ sowie die Vertiefung des Digitaldialogs. Zudem wurde ein Memorandum zur Förderung von Start-ups, wissensbasierten Unternehmen und Talenten zwischen dem German Accelerator Program und ApexBrasil angekündigt. Das unterstreicht, dass der Besuch in Hannover eng mit der industriellen Zukunftsagenda beider Staaten verbunden war: Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Innovation und Fachkräfteentwicklung sollen nicht isoliert, sondern als gemeinsame Handlungsfelder verstanden werden.
Ebenso auffällig ist die Breite der Klima- und Umweltagenda. Deutschland und Brasilien erklärten, ihre Zusammenarbeit beim Klimaschutz weiter zu vertiefen. In der gemeinsamen Erklärung verweisen beide Seiten auf die Belém-Erklärung zur globalen grünen Industrialisierung im Rahmen der COP30. Genannt werden außerdem die Tropical Forest Forever Facility, die Fortführung des hochrangigen strategischen Dialogs über Klimaschutz und Klimaambition, eine Vertiefung der Klimaforschung, eine Partnerschaft für nachhaltige Mobilität, finanzielle Unterstützung für den brasilianischen Nationalen Klimafonds sowie die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Umweltkriminalität. Reuters berichtete ergänzend unter Berufung auf Brasiliens Entwicklungsbank BNDES, Deutschland werde rund 700 Millionen Euro zu grünen Initiativen beitragen, darunter 500 Millionen Euro für einen Klimafonds und weitere 200 Millionen Euro für nachhaltige Mobilität. Diese Angaben ergänzen die politischen Erklärungen um eine finanzielle Dimension.

Auch Wissenschaft und Forschung spielten eine sichtbare Rolle. Die gemeinsame Erklärung nennt die Zusammenarbeit bei Meeresforschung und die Entwicklung der Weltraummission CO2Image. Hinzu kommt ein eher ungewöhnlicher, aber kulturpolitisch bemerkenswerter Punkt: Beide Regierungen begrüßten die Bereitschaft des Landes Baden-Württemberg und des Staatlichen Naturkundemuseums Stuttgart, das Fossil Irritator challengeri im Kontext wissenschaftlicher Kooperation nach Brasilien zu übergeben. Solche Details zeigen, dass der Besuch in Hannover nicht allein von Industrie- und Handelsfragen geprägt war, sondern auch wissenschaftliche, kulturelle und institutionelle Aspekte umfasste.
In außenpolitischer Hinsicht betonten beide Seiten laut gemeinsamer Erklärung ihre Bindung an Multilateralismus, Völkerrecht und regelbasierten Handel. Deutschland und Brasilien äußerten Sorge über den Krieg in der Ukraine, über die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten sowie über die Beeinträchtigung der Schifffahrt in der Straße von Hormus. Beide sprachen sich für friedliche Lösungen und Diplomatie aus. Zugleich bekräftigten sie ihr Interesse an Reformen der Vereinten Nationen, insbesondere des Sicherheitsrats, um Repräsentativität, Legitimität und Wirksamkeit zu verbessern. Diese Punkte machen deutlich, dass der Hannover-Besuch trotz des messebezogenen Rahmens ausdrücklich auch weltpolitische Relevanz hatte.
Für Hannover selbst war der Besuch ein Ereignis von doppelter Bedeutung. Zum einen trat die Stadt erneut als internationaler Industriestandort und Gastgeberin der weltweit bedeutendsten Industriemesse ins Blickfeld. Zum anderen wurde sie für zwei Tage zum Ort hochrangiger Regierungsdiplomatie. Herrenhausen und das HCC standen dabei stellvertretend für zwei Seiten derselben Veranstaltung: hier das zeremonielle und diplomatische Hannover, dort das wirtschaftliche und internationale Hannover. Dass der Besuch am Ende durch die gemeinsame Pressekonferenz politisch geschlossen wurde, verlieh dem gesamten Ablauf trotz einzelner Überraschungen auf dem Messegelände eine klare Linie.

Unterm Strich war der Besuch von Präsident Lula da Silva in Hannover weit mehr als ein protokollarischer Auftakt zur Hannover Messe. Der Empfang mit militärischen Ehren am Schloss Herrenhausen, die Eröffnung im HCC, der symbolisch wichtige Auftritt am brasilianischen Zentralstand, der ungewöhnlich getrennte Messe-Rundgang und die anschließenden Regierungskonsultationen zeichneten das Bild einer Beziehung, die sich sichtbar verdichtet.

Deutschland und Brasilien haben in Hannover nicht nur Nähe demonstriert, sondern eine breite Arbeitsagenda formuliert: von Handel und Rohstoffen über Verteidigung und Digitalisierung bis hin zu Klima, Wissenschaft und multilateraler Ordnung. Damit war dieser Besuch nicht nur für die Messe von Bedeutung, sondern auch für die künftige Rolle beider Länder in einer sich verändernden Weltwirtschaft.
