Pop, Disco, Schlager und ganz viel Nähe – das Capitol feiert Marianne Rosenberg
HANNOVER.
Ein dicht gefüllter Club, gespannte Erwartung und dann diese Stimme: Marianne Rosenberg hat am Donnerstagabend ihre „Bunter Planet“-Tour im Capitol Hannover präsentiert – ein Abend, der konsequent auf Nähe setzte und genau deshalb so groß wirkte. Wo sonst große Hallen die Distanz vergrößern, entschied sich Rosenberg für ein Setup, das den direkten Kontakt sucht: Clubbühne statt Arena, Groove statt Pathos, Haltung statt Nostalgie. Heraus kam ein Konzert, das tanzbar, emotional und zeitlos zugleich war – mit neuen Stücken vom aktuellen Album „Bunter Planet“ und den Klassikern, die seit Jahrzehnten zum kollektiven Gedächtnis gehören.

Ankommen im Capitol: Clubenergie vom ersten Moment an
Schon vor Konzertbeginn lag Clubstimmung in der Luft. Das Capitol, mit seinen kurzen Wegen und der klaren Sicht von fast allen Plätzen, erwies sich erneut als idealer Konzertort: nah am Geschehen, satt im Klang, präzise im Licht. Als das Saallicht dunkler wurde und die ersten Takte über die Lautsprecher rollten, fühlte man sofort, wofür diese Tour konzipiert wurde: Bewegung, Begegnung, Mitsingen. Kein großes Vorspiel, keine unnötige Verzögerung – stattdessen ein pointierter Auftakt, der die Richtung vorgab: Disco-Puls, Pop-Hooks, Schlagermelodik, zueinander gezogen und in die Gegenwart übersetzt.

Die Dramaturgie des Abends: Vom Beat zur Ballade und zurück
Rosenberg und ihre Band strukturierten den Abend in Bögen. Die erste Phase: klar tanzbar, mit den elektronischen Texturen und glitzernden Synths, die das neue Material prägen. Die zweite Phase: reduziert und balladenfreundlich – eine Einladung zum Lauschen, die die Stimme in den Mittelpunkt rückte. Danach zog das Tempo wieder an: vier, fünf Nummern am Stück, sauber in- und übereinander gemischt, dramaturgisch gesteigert bis zum Finale und der fälligen Zugabe. Es war weniger eine Aneinanderreihung einzelner Titel als vielmehr ein durchkomponierter Konzertfluss, in dem die Übergänge genauso wichtig wirkten wie die Refrains.

„Bunter Planet“ live: Haltung zum Tanzen
Das Herzstück des Abends kam aus dem aktuellen Album „Bunter Planet“. Diese Songs sind für die Bühne gebaut: groovebetont, elegant arrangiert, mit Botschaften von Freiheit, Respekt und Zuneigung, die Rosenberg niemals mit erhobenem Zeigefinger vorträgt, sondern in Bewegung übersetzt. Der Titeltrack bündelte genau dieses Versprechen – eine optimistische Grundierung, die sich im Publikum spiegelte. Ebenso wirkten neue Stücke, die den Zusammenhalt beschwören, ohne Parolen auszuteilen: Musik als Einladung statt als Ansage.

Klassiker mit Gegenwartsbezug: Wenn Erinnerungen tragen
Natürlich fehlten die Evergreens nicht: Wenn bei „Er gehört zu mir“ die Hände hochgehen und jede Zeile sitzt, dann ist das nicht nur Nostalgie, sondern gelebte Popgeschichte. „Marleen“ und „Lieder der Nacht“ knüpften nahtlos an diese Stimmung an – nicht als museale Zitate, sondern als lebendige Referenzen, die in den aktuellen Produktionssound eingebettet sind. Genau darin liegt Rosenbergs Kunst der Gegenwart: Gestern und Heute ergeben keinen Stilbruch, sondern ein Kontinuum, das die eigene Biografie annimmt und neu beleuchtet.

Stimme, Band, Sound: Präzision mit Wärme
Auffällig war die Balance zwischen Druck und Wärme. Die Rhythmusgruppe gab den Songs den nötigen Schub, Keyboards und Gitarren zeichneten die Farben nach, und die Backing Vocals setzten die Konturen. Darüber: diese charakteristische Rosenberg-Timbre, präsent und konzentriert, ohne sich je in überflüssiger Virtuosität zu verlieren. Der Mischsound im Capitol tat sein Übriges: griffige Bässe, klare Mitten, unangestrengte Höhen – genau die Art von Transparenz, die tanzbare Musik braucht, um im Raum zu funktionieren. Das Lichtdesign blieb dynamisch, aber nie grell; Farbübergänge statt Strobogewitter, Akzente statt Effekthascherei.

Clubnähe als Prinzip: Zwischen Ansage und Augenblick
Zu den stärksten Momenten gehörten die Zwischenansagen – persönlich, punktgenau, nie zu lang. Rosenberg erzählte in knappen Bildern, warum dieses Programm ihr am Herzen liegt: Vielfalt, Zugewandtheit, Mut zum eigenen Ton. Kein Dozieren, sondern ein kurzer Blick hinter den Vorhang. Gerade in der Clubumgebung tragen solche Augenblicke, weil sie ohne Distanzverlust stattfinden. Man spürte, wie sehr Rosenberg diese Unmittelbarkeit schätzt – ein Eindruck, der sich in zahlreichen Publikumsinteraktionen verdichtete: Lächeln, Handzeichen, kurze Dialoge in den vorderen Reihen. Es war dieser fließende Wechsel zwischen Performance und Kontakt, der den Abend prägte.

Neue Stücke, neuer Kontext: Warum das Material auf die Bühne gehört
„Bunter Planet“ ist ein Album, das Rhythmus als Träger von Haltung versteht. Live gewann das Material an Griffigkeit: Der Bass drückte ein wenig mehr, die Drums setzten klarere Marken, die Synth-Layer erhielten Luft und Tiefe. So klingen Songs, die nicht allein im Studio gedacht sind, sondern auf den Raum zielen – und im Capitol besonders gut aufgingen. Die Hooklines ließen sich schon nach kurzer Zeit mitsummen, die Grooves sorgten für Bewegung selbst auf den hinteren Rängen. Es ist die zugängliche Moderne, die diese Musik trägt: eigenständig genug, um nicht austauschbar zu sein, eingängig genug, um zu verbinden.

Kurze Balladenruhe, dann wieder Puls
Die Balladenpassage in der Mitte wirkte wie bewusstes Innehalten. Hier standen Text und Stimme im Vordergrund; das Arrangement trat zurück, Raum und Atem waren die eigentlichen Instrumente. Danach wendete sich das Blatt: Beats hoch, Licht auf Fahrt, und es entstand jener zweite Konzertbogen, der den Abend in Richtung Finale trug. Der dramaturgische Effekt funktionierte: Kontraste schärfen Aufmerksamkeit, und genau das machte den letzten Drittel dynamisch – bis zur Zugabe, die das gemeinsame Singen noch einmal bündelte.

Publikum und Stimmung: Hannover als Resonanzraum
Hannover ist ein gutes Pflaster für Popkonzerte, die auf Präzision und Nähe setzen. Das Publikum war offen, aufmerksam und in bester Singlaune. Gerade in den Refrain-Momenten trug der Saal – ein Chor aus Erinnerung und Gegenwart, der Rosenbergs Songs mühelos aufnahm. Wer im Capitol häufig Konzerte erlebt, weiß: Wenn die Dramaturgie stimmt, kippt die Stimmung irgendwann von Erwartung in Begeisterung. Genau dieser Umschlag passierte an diesem Abend; von da an trug sich die Show fast von allein.

Einordnung: Jenseits von Nostalgie, mitten im Jetzt
Rosenbergs Karriere ist lang, die Liste ihrer Hits entsprechend groß. Doch die entscheidende Botschaft dieses Abends lautete: Das Hier und Jetzt ist keine Zugabe, sondern Kern. Die neuen Songs behaupten ihren Platz, ohne die Klassiker zu verdrängen; die Klassiker behaupten ihre Geschichte, ohne die Gegenwart zu bremsen. Dieses Gleichgewicht gelingt nur, wenn eine Künstlerin ihren eigenen Maßstab setzt. Rosenberg tut das – souverän, klar, unaufgeregt.

Das Capitol als Mitspieler
Das Capitol erwies sich erneut als Mitspieler und nicht nur als Bühne. Sichtlinien, Akustik, Atmosphäre – die Parameter, die Clubshows tragen, stimmten. Die Nähe zum Publikum ist hier kein Versprechen, sondern Bauprinzip. Wer den Raum kennt, weiß: Zwei, drei Schritte entscheiden darüber, ob ein Abend unter die Haut geht. Für die „Bunter Planet“-Tour war dieser Ort die richtige Wahl.

Ein Abend der Verbindung
Marianne Rosenberg hat in Hannover gezeigt, wie zeitgemäß deutschsprachige Pop- und Schlagertradition klingen kann, wenn man sie neu denkt: tanzbar, hell, melodisch präzise, aber mit Haltung. Der Abend im Capitol war keine Best-of-Show und keine Versuchsanordnung, sondern ein organischer Konzertbogen, in dem Gegenwart und Erinnerung füreinander arbeiten. So entstanden jene kostbaren Momente, in denen ein Saal gemeinsam atmet – und genau deshalb singt.
