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Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39

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Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 v.l. Dr.Ursula Beyroth und Kulturdezernentin Marlis Drewermann mit dem Ausstellungsplakat Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Ulrich Stamm
Erstmalige Ausstellung: Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 

 

Die Städtische Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Hannover hat sich erstmalig mit dem Thema der rettenden Kindertransporte aus Hannover während des Nationalsozialismus befasst. Die Erkenntnisse in Form von Archivrecherchen, Biografien, privaten Fotos und Zeitzeugenaussagen wurden zu einer Ausstellung zusammengetragen.

Diese wird vom 28. Oktober bis 18. November im Bürgersaal im Neuen Rathaus Hannover, Trammplatz 2, zu sehen sein. Die Ausstellung zeigt das Schicksal 19 jüdischer Kinder aus Hannover, die mit Kindertransporten zwischen 1938 und 1939 ohne Eltern nach England ausreisten.

„Die Ausstellung ist eine bedeutende historische Arbeit der Erinnerungskultur in Hannover. Bisher hat sich noch niemand vor Ort mit dem Thema Kindertransporte im Nationalsozialismus intensiv befasst, deshalb sehe ich es als einen weiteren wichtigen Teil der Aufarbeitung an, dass wir das Schicksal der Kinder für die heutige Gesellschaft sichtbar machen. Da viele der Kinder und Jugendlichen nach England gebracht wurden, erwarten wir auch Gäste und Zeitzeugen von dort. Ich sehe die Ausstellung auch als Zeichen des Dialogs für unsere Stadtgesellschaft und für eine hoffentlich friedvolle und menschenwürdige Völkerverständigung“, sagt Kultur- und Schuldezernentin Marlis Drevermann.

Im Vorfeld dieser Ausstellung berichtete heute die Zeitzeugin Dr.Ursula Beyroth im Neuen Rathaus Hannover über ihre Zeit als nach England verschicktes Kind. Frau Dr. Beyroth war gemeinsam mit ihrer Schwester Gisela von ihren Eltern 1939 im Alter von 6 Jahren aus Berlin nach England ins Kinderheim nach Blackpool verschickt worden, um der Judenverfolgung und dem NS-Regime zu entfliehen. Frau Dr. Beyroth ist eine von wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die auch noch in der gesundheitlichen Verfassung sind, über diese ihre Kindheit zu berichten, als auch an der Ausstellung teilzunehmen.

Beeindruckend und sehr lebendig erzählt die 83-Jährige, die heute in Bothfeld lebt, von ihrer Zeit im Kinderheim, der britischen Schule, wie sie Englisch lernen musste und dabei die deutsche Sprache wieder verlernte, den wenigen möglichen Schriftkontakt mit den Eltern, das Erleben des Kriegsendes auf englischen Bodens und die Rückkehr mit der 5 Jahre älteren Schwester Gisela und ihre Puppe Rudi im eiskalten Winter 1947 nach Hannover. Ihre Eltern waren die Einzigen, die überlebt hatten - Ursula und Gisela gehörten auch zu den Wenigen, die nach Kriegende wieder nach Deutschland zurückkehren wollten.

Die Annäherung an die Eltern in Hannover klappte nach der Rückkehr recht gut -" man musste sich erst einmal wieder zusammenfinden". Die Eltern sprachen kaum Englisch, Ursula Beyroth musste die deutsche Sprache wieder erlernen. Sie besuchte das Gymnasium der Wilhelm-Rabe-Schule und studierte nach dem Abitur Jura und trat damit in die Fusstapfen ihres Vaters, der 1979 verstarb. Zunächst war sie Staatsanwältin und anschliessend Richterin am Landgericht in Hannover.  Frau Dr. Bayroth hat 2 erwachsene Söhne, ihr Ehemann ist 2002 verstorben.

Hinsichtlich der aktuellen Flüchtlingssituation in Deutschland, hat Frau Dr. Beyroth eine klare Meinung: " Man hat eine Verpflichtung! Wo wäre ich denn sonst, wenn mich die Engländer nicht aufgenommen und 8 Jahre lang versorgt hätten ?

 

 


Dr.Ursula Beyrodt (C) Ulrich Stamm

Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannover

Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannover

Ausstellungsflyer Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannover

Ausstellungsflyer Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannove

Ausstellungsflyer Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannove

Ausstellungsflyer Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannove

Ausstellungsflyer Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannove

Ausstellungsflyer Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannove

Ausstellungsflyer Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannove

Ausstellungsflyer Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 (C) Stadt Hannove

 

 

Hintergrund

Über 10.000 jüdische Kinder und Jugendliche verließen zwischen 1938 und 1939 ohne ihre Eltern das nationalsozialistische Deutschland. Im Rahmen der sogenannten Kindertransporte wurden sie vorwiegend in Großbritannien von Gastfamilien aufgenommen und konnten so meist der nationalsozialistischen Verfolgung entkommen.

Ausgelöst durch die Verbrechen der Progromnacht beschloss das britische Parlament am 21. November 1938, unbegleitete jüdische Kinder aus Deutschland einreisen zu lassen. Über die BBC wurden Familien aufgefordert, Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Die Organisation wurde in Großbritannien durch die Initiative „Movement for the Care of Children from Germany“, in Deutschland durch die Abteilung „Kinderauswanderung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ und von den jüdischen Gemeinden vor Ort übernommen.

Die Kinder entkamen zwar meist der direkten Verfolgung durch das Nationalsozialistische Regime mit ihrer Flucht nach England, in die Niederlande und in die USA, litten aber durch die indirekten Folgen ihr Leben lang. Die frühe und schmerzhafte Trennung von den Familien, die die meisten nie wiedersahen, führte zu einem emotionalen und kulturellen Bruch. Die Kindertransporte mussten mit Beginn des Zweiten Weltkriegs beendet werden.

Die Städtische Erinnerungskultur hat durch intensive Forschungsarbeit Biografien von hannoverschen Kindern recherchiert. Das Schicksal der Kinder, aber auch ihrer Familien, werden in der Ausstellung nachgezeichnet, und somit wird ein wichtiges Kapitel der hannoverschen Verfolgungs- und Emigrationsgeschichte erstmals ins öffentliche Bewusstsein gerückt.

 

Ausstellungseröffnung

Eröffnet wird die Ausstellung am Mittwoch (28. Oktober), 18 Uhr, im Hodlersaal im Neuen Rathaus. Neben Grußworten von Bürgermeister Thomas Hermann und Michael Fürst, Landesvorsitzender der Jüdischen Gemeinden Niedersachsens, wird der Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz in die Ausstellung einleiten. Mehrere ZeitzeugInnen werden an der Eröffnung teilnehmen. Besonders hervorzuheben ist die musikalische Begleitung des Europäischen Synagogalchors unter der Leitung von Prof. Andor Iszák, der die Vertonung eines Gedichtes zu Chanukkah von Hans-Werner Binheim "Seht die Lichter"  uraufführen wird. Hans-Werner Binheim liebte die Musik und leitete im Alter von 15 Jahren einen Jugendchor in der hannoverschen Synagoge. Das Gedicht schickte er aus Mauthausen an die Eltern, die es an eine Tante in den USA weitergaben. 1941 wurde Hans-Werner Binheim aus den Niederlanden deportiert. Er kam unter unbekannten Umständen in Mauthausen um.PressevertreterInnen und BürgerInnen sind zur Eröffnung herzlich eingeladen.

 

Stolpersteinverlegung

In Erinnerung an Ulrich Herzberg und seine Eltern werden am Freitag (20. November) in der Eichstraße (gegenüber von Haus Nr. 2) drei Stolpersteine verlegt. 1938 flüchtete Ulrich zunächst mit einem Kindertransport von Hannover in die Niederlande. 1943 wurde er in Sobibor/Polen ermordet.

 

Begleitband, Vortrag, Film und Finissage

 

Zur Ausstellung ist der Begleitband Schriften zur Erinnerungskultur in Hannover, Band 8: „Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39“ in Deutsch zum Preis von 10 Euro erschienen. Ergänzend zum Begleitband sind die erarbeiteten Biografien in Englisch zum Preis von 5 Euro im Buchhandel und in der Ausstellung erhältlich.

Die Historische Geografin Dr. Edel Sheridan-Quantz wird am Dienstag (3. November), 19 Uhr, einen Vortrag zum Inhalt der Ausstellung halten. Veranstaltungsort ist die Evangelisch-lutherische Nikodemus-Kirche, Lüneburger Damm 2, 30625 Hannover. Der Eintritt ist frei.

Das Kino im Künstlerhaus in der Sophienstraße 2 wird am Dienstag (10. November), 19.30 Uhr, den Film „Kindertransporte – In eine fremde Welt“ zeigen. Der US-amerikanische Dokumentarfilm aus dem Jahr 2000 stammt vom Regisseur Mark Jonathan Harris. Er wurde im Jahr 2001 als „Bester Dokumentarfilm“ ausgezeichnet. Der Eintritt ist frei.

Zum Abschluss der Ausstellung findet am Mittwoch (18. November), 18 Uhr, eine Finissage im Bürgersaal im Neuen Rathaus, Trammplatz 2, statt. Neben einem Grußwort von Ingrid Wettberg von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover wird Dr. Rebekka Göpfert einen Kurzvortrag zum Thema Kindertransporte halten. Die Zeitzeugin Dr. Ursula Beyrodt wird über ihre Eindrücke und Erinnerungen an ihren rettenden Transport von Deutschland nach Großbritannien im Jahr 1939 berichten.

 

 

 

 

 

Medien

Zeitzeugin Dr.Ursula Beyroth aus Hannover spricht über ihre Kindheit als jüdischer Flüchtling in England Stadtreporter.de

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