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Vor zehn Jahren: Loveparade-Katastrophe in Duisburg

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© Fotos: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe in Duisburg im Jahr 2010 © Fotos: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe in Duisburg im Jahr 2010

DUISBURG. Bei der 19. Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg ereignete sich die Katastrophe. Im Gedränge der Menschenmassen auf der Zuwegung zum Veranstaltungsgelände kamen 21 Menschen ums Leben, mindestens 652 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Zum ersten Mal fand die Loveparade auf einem umzäunten Veranstaltungsgelände, dem ehemaligen Güterbahnhof in Duisburg, statt, der zwischen Bahngelände und der Autobahn liegt. Für die Besucher war die Loveparade nur vom Süden her von den beiden Seiteneingängen des Straßentunnels der Karl-Lehr-Straße, einer Unterführung ohne Gefälle unterhalb der Bahndämme, und von dort über eine Rampe zu erreichen. Ab etwa 15:00 Uhr bildete sich im oberen Bereich der Rampe zum Veranstaltungsgelände ein Rückstau, da die ankommenden Besucher vom Veranstalter nicht gemäß der Bewegungsanalyse auf das Gelände verteilt werden konnten. Ab 15:45 Uhr war der Zugang von beiden Seiten im Tunnel, später auch die Hauptrampe, durch Polizeiketten gesperrt. Aufgrund des Besucherandrangs mussten diese Polizeiketten gegen 16:15 Uhr im östlichen und gegen 16:20 Uhr im westlichen Teil des Tunnels aufgegeben werden, sodass die Besucher nahezu gleichzeitig aus beiden Richtungen zur Hauptrampe strömten. Die ankommenden Besucher hatten an der Polizeisperre auf der Hauptrampe Schwierigkeiten, das höher gelegene Veranstaltungsgelände zu erreichen, weil sich die aufeinander stoßenden Besucherströme gegenseitig blockierten. Auf Höhe einer Treppe löste der Druck innerhalb der gestauten Menschenmenge gegen 17:00 Uhr bei mehreren Besuchern tödliche Verletzungen aus. Dabei verschärften die aus dem Tunnel nachrückenden Besucher die Situation zusätzlich. Es gab eine große Zahl Verletzter. Insgesamt kamen dreizehn Frauen und acht Männer aus sieben Ländern zu Tode. Der gesamte Zugangsbereich in den Unterführungen wurde von der Polizei geräumt und Hilfsmaßnahmen liefen an. Der Krisenstab der Stadt Duisburg entschied, die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen zunächst weiterlaufen zu lassen, um eine weitere Eskalation durch zurückströmende Besucher zu verhindern. Es wurden keine neuen Besucher mehr auf das Gelände gelassen, alle Notausgänge geöffnet und die gesperrte A 59 als Fluchtweg freigegeben. Auf dem Veranstaltungsgelände wurde das Unglück nur allmählich bekannt. Zunächst verbreitete sich das Gerücht, dass es auf dem Tunnel-Truck einen Toten gegeben hätte. Erst viel später erfuhren viele Veranstaltungsteilnehmer, die überhaupt nichts von der Katastrophe in und am Straßentunnel mitbekommen hatten, was tatsächlich geschehen war. Die Loveparade 2010 endete vorzeitig gegen 23:00 Uhr. In Vorbesprechungen im Vorfeld der Parade, in denen ein Notfallplan für einen Massenanfall von Verletzten (MANV) erarbeitet worden war, wurden aufgrund der Erfahrungen der Loveparade in Essen und Dortmund Vorbereitungen zur Behandlung internistischer sowie Drogen- bzw. Rauschmittel-assoziierter Diagnosen getroffen. Gleichzeitig wurde ein Glasverbot für die Veranstaltung ausgesprochen, um Schnittverletzungen zu vermeiden. Der Sanitätsdienst nahm die Einrichtung von 30 Sanitätsstationen mit jeweils 10 Patientenplätzen, einem Notarzt, 20 Sanitäter, einem Krankentransportwagen sowie zwei standardisierten Behandlungsplätzen für 50 Patienten vor. Nach dem Massenunglück wurde die Anzahl von 1.600 Hilfskräften auf etwa 4.000 erhöht. Viele Krankenhausmitarbeiter fanden sich nach Bekanntwerden der Katastrophe spontan in ihren Kliniken ein, um den Opfern der Veranstaltung zu helfen. Insgesamt wurden 70 Rettungswagen und Krankentransportwagen sowie neun Rettungshubschrauber eingesetzt. Die gerichtliche Aufarbeitung des Geschehens begann etwa 7,5 Jahre nach dem Ereignis und 2,5 Jahre vor dem Ablauf der Verjährungsfrist Ende Juli 2020. Es war eines der größten Strafverfahren in der Geschichte der BRD. Angeklagt vor dem Landgericht Duisburg waren sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters. Es gab ca. 60 Nebenkläger mit 40 Anwälten. Insgesamt hatte es das Gericht unter dem Vorsitzenden Richter Mario Plein nach Angaben einer Zeitung mit etwa 70 Anwälten zu tun. Trotz des enormen Aufwandes wurde das Verfahren kurz vor Ablauf der Verjährungfrist eingestellt. Bei den Ursachen, die zu der Katastrophe geführt hatten, sah man eine Multikausalität und keine Möglichkeit einem der Angeklagten einen bestimmten Anteil individueller Schuld nachzuweisen. Einer der Vertreter der Nebenkläger war der der FDP-Politiker und Rechtsanwalt Gerhart Baum, der noch im Laufe des Verfahrens sinngemäß geäußert hatte: „Wenn das Ganze in einem juristischen Niemandsland endet, ist das eine seelische Katastrophe für die Angehörigen.“ Wie wahr. Leider ist es genau so gekommen.

Ungefähre zeitliche Abfolge des Geschehens am 24. Juli 2010:

14.00 Uhr - Beginn der Loveparade

15:30 Uhr - besorgniserregendes Gedränge am Rampenkopf

16.30 Uhr - Besucherstau und Bahnhofsperrung – die Stimmung kippt es entstehen Wellenbewegungen in der Menschenmasse

16:49 Uhr - Personen können sich nicht mehr halten, fallen auf den Boden, werden niedergetrampelt oder ersticken.

17.00 Uhr - Beginn der Abschlussveranstaltung mit Live-Gigs

17.02 Uhr - den Einsatzkräften werden erste Opfer gemeldet

17.34 Uhr - Veranstaltung wird "Wegen Überfüllung geschlossen"

17.57 Uhr - Erste Meldungen von Toten

18.56 Uhr - Loveparade geht weiter


© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe -

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 13:27 Uhr auf dem Weg zum Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 13:52 Uhr auf dem Weg zum Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 14:25 Uhr Truck auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 14:32 Uhr Truck auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 14:34 Uhr Truck auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 14:41 Uhr Truck auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 14:43 Uhr Truck auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 14:47 Uhr Truck auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 15:17 Uhr Truck auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 15:19 Uhr Sanitätsstation - zu dieser Zeit ahnt noch niemand was auf die Rettungskräfte zukommen wird

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 15:56 Uhr - Truck auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 16:02 Raver

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 16:30 der Tunnel-Truck

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 17:09 Uhr Menschenmenge auf dem Veranstaltungsgelände - etwa um diese Zeit ereignet sich die Katastrophe

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 17:09 Uhr Menschenmenge auf dem Veranstaltungsgelände - etwa um diese Zeit werden den Einsatzkräften auch die ersten Opfer gemeldet

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 17:11 Uhr Menschenmenge auf dem Veranstaltungsgelände

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 17:32 Uhr etwa zu dieser Zeit wird die Veranstaltung wegen Überfüllung geschlossen

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 18:05 Uhr etwa zu dieser Zeit erste Meldungen von Toten

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 18:32 Uhr auf dem Veranstaltungsgelände bleibt die Katastrophe zunächst weitgehend unbemerkt

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 18:33 Uhr auf dem Veranstaltungsgelände bleibt die Katastrophe zunächst weitgehend unbemerkt

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 18:40 Uhr die Loveparade geht weiter

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 19:56 Uhr die Loveparade geht weiter

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 20:33 Uhr Rettungskräfte im EinsatzUhr

© Foto: Lothar Schulz 2010 - Loveparade-Katastrophe - 21:04 Uhr langsam spricht sich die Katastrophe auch auf dem Veranstaltungsgelände herum

23.00 Uhr - Ende der Veranstaltung

Einen Tag später verkündet der Veranstalter der Loveparade Rainer Schaller das endgültige Aus für dieses Event.

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